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«Wir würden wieder zusammenwohnen»

Eine Wohnkonstellation aus Jung und Alt. Für knapp ein Jahr wohnte Fabienne, 21 Jahre alt, zwei Tage die Woche bei ihren 77-jährigen Grosseltern in Gossau SG. Jetzt erzählen die zwei Generationen von ihren Erfahrungen.

Montag, 28. November 2022 Geraldine Konrad-Maier (26)
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Gemeinsames Wohnen, gemeinsame Ausflüge. – Bild: Fabienne Maier

Fabienne Maier, in Meinisberg BE aufgewachsen, nahm eine Arbeitsstelle in Rossrüti SG an und war auf eine näher gelegene Unterkunft angewiesen. Von ihrem Elternhaus hätte sie mit dem Zug für den neuen Arbeitsweg drei Stunden benötigt. Keine praktische Ausgangslage. Das Haus ihrer Grosseltern bot jedoch die perfekte Lösung. Von dort aus brauchte die junge Töff-Fahrerin nur 20 Minuten mit ihrem Motorrad und hatte zudem die Möglichkeit, hin und wieder bei einem Mitarbeiter im Auto mitzufahren. Klar, eine dienlichere Wohnlage.

Die perfekte Lösung für die Enkelin: das Haus ihrer Grosseltern. – Bild: Fabienne Maier

Auf Fabiennes Anfrage hin, willigten die Grosseltern ohne Zögern ein. Dank einem guten Verhältnis zu ihrer Enkelin hatten Anni und Peter Schlauri keine Bedenken, Fabienne bei sich aufzunehmen. Die Seeländerin wohnte anschliessend während neun Monaten zwei Nächte pro Woche bei ihren Ostschweizer Grosseltern. Im gelben Häuschen, welches sich auf einem Hügel ausserhalb der Stadt Gossau im Kanton St. Gallen befindet, wurde im Nähzimmer der Grossmutter ganz einfach und schnell mit einer Luftmatratze ein Zimmer für die junge Frau eingerichtet. Zweckmässig und so, dass die begnadete Handarbeiterin bei Bedarf immer noch Zugang zu ihren Nähutensilien hatte.

«Konflikte gab es keine. Dafür lehrreiche und bereichernde Momente.»

Peter, Anni und Fabienne

Während die zwei Generationen ihr Zusammenleben Revue passieren lassen, wird viel gelacht. Ihre gute Beziehung ist unübersehbar und wird durch ihre Aussage bestätigt, dass sie alle das Zusammenleben als sehr angenehm empfanden. Konflikte gab es keine. Dafür lehrreiche und bereichernde Momente, wie beide Seiten erzählen.

Lernstunde – Generationenaustausch

Die Haushaltstipps vom «Grosi» waren für die 21-jährige Mediamatikerin besonders interessant. Fabienne wusste zuvor nicht, dass sich Silberbesteck gut mit Zahnpaste reinigen lässt, oder Kupfer durch eine Ketchup-Behandlung in neuem Glanz erstrahlt. Sie lernte auch wie man Flecken von einem weissen Tischtuch mit Backpulver wegzaubern kann oder dass Läuse auf Geranien mit in Wasser verdünntem Abwaschmittel vertrieben werden können. Viele neue Alltagstricks, auf die sie möglicherweise einmal dankbar zurückgreifen wird.

«Durch diesen Austausch blieben wir auf dem aktuellen Stand.»

Peter und Anni

Peter und Anni schätzten vor allem die Gespräche mit der jungen Frau. «Durch diesen Austausch blieben wir auf dem aktuellen Stand.», meinen sie. Gerne hörten Schlauris zu, wenn ihre Enkelin von Veränderungen in der Ausbildung oder von Neuigkeiten im Berufsalltag erzählte.

Die Enkelin unterstützte bei technischen Fragen. – Bild: Fabienne Maier

Zudem wurde das seit 53 Jahren verheiratete Paar mit neuen kulinarischen Gerichten verwöhnt. Anni sagt: «Gute Pizza hat Fabienne gemacht!». Die Pizza mit einem bunt gemischten Belag blieb auf dem Helfenberg in besonders guter Erinnerung. Was er jedoch nicht von seiner Enkelin gelernt habe, bedauert Peter, sei selbst Pilze zu sammeln. «Dafür fehlt mir der Mut.», gesteht der pensionierte Landwirt ein. Mutig und offen wagt er sich dafür an neue Technologien. Dabei war er froh über die fachkundige Unterstützung von Fabienne, die ihm gelegentlich einige Tipps zur Nutzung von Computer und Handy geben konnte.

Alltags Aktivitäten und gemeinsame Reise

Am Morgen verliess Fabienne oft als Erste das Haus. Ein paar Mal fuhr sie sogar mit dem Fahrrad vom «Grosi» an den dreieinhalb Kilometer entfernten Bahnhof. Beim gemeinsamen Gespräch bemerkte Peter: «Also ich staunte schon, wie gut Fabienne mit dem alten Velo zurechtkam!». Das einst rege genutzte Gefährt von Anni, welches sie aber mittlerweile nicht mehr benützt, wurde zu einer weiteren Transportmöglichkeit für Fabienne. Nützlich, denn eine nahe gelegene ÖV-Verbindung gab es keine. Um 18 Uhr war Fabienne normalerweise zurück auf dem Helfenberg. Nach dem «Znacht», welches entweder von den beiden Generationen zusammen oder nur von einer Partei zubereitet wurde, hat das Trio oft zusammen geplaudert, die Tagesschau geschaut, gejasst oder auch «Skipo» gespielt. In den verbleibenden freien Stunden machte Fabienne gelegentlich einen Spaziergang mit ihrem Grossmami, zum nebenan gelegene Biotop.

Gemeinsame Spaziergänge gehörten zum Alltag. – Bild: Fabienne Maier

Für mehr Aktivitäten war unter der Woche leider keine Zeit. Einen grösseren Ausflug gab es dann erst, als Fabienne bereits wieder ausgezogen war. Als Dank für die praktische Unterkunft lud die Enkelin ihre Grosseltern in die Innerschweiz auf eine Reise ein. Mit dem Zug ging es nach Luzern, von dort mit dem Schiff nach Vitznau und dann mit der Standseilbahn auf die Rigi hoch, wo sie eine wunderbare Aussicht auf den Vierwaldstättersee genossen. Mit dem Voralpenexpress ging es am Ende des Tages zurück nach Gossau. Ein Geschenk, über welches sich Anni und Peter natürlich sehr freuten.

Zum Abschied eine Reise in die Innerschweiz. – Bild: Fabienne Maier

Tipps für ein gutes Zusammenleben

«Wir würden wieder zusammenwohnen!», tönt es klar von allen drei. Anderen, die an einer ähnlichen Mehrgenerationen-WG interessiert sind, geben das pensionierte Ehepaar und Fabienne mit, dass vor allem gegenseitiges Verständnis und Respekt wichtig ist. Sie sind überzeugt, wenn diese zwei Haltungen bei Jung und Alt vorhanden sind, ist dies die beste Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

«Wir würden wieder zusammenwohnen!»

Peter, Anni und Fabienne

Fabienne macht lediglich darauf aufmerksam, dass man sich selbstverständlich auf einen anderen Haushalt einstellen muss, als wie man ihn vom Elternhaus kennt. Sie fügt an, «es ist wichtig diese Andersartigkeit zu dulden und dass man offen für andere Rituale und Regeln ist.» Peter ergänzt, «etwas vom wesentlichsten ist, dass der Enkel akzeptiert, dass wir nicht mehr 20 Jahre alt sind.» Er betont die Wichtigkeit von gegenseitigem Verständnis und Vertrauen und bemerkt, dass eine gute geistige und körperliche Gesundheit der älteren Generation stark zu einer schönen Erfahrung beiträgt.

Sie würden es wieder tun: eine bereichernde Erfahrung für alle. – Bild: Fabienne Maier

Fabienne genoss die Zeit bei ihren Grosseltern sehr. Ein freies Zimmer in der neu gegründeten WG ihres Cousins, liess die junge Frau jedoch umziehen. Einen kürzeren Weg zum Bahnhof und das Bedürfnis nach mehr Eigenständigkeit, waren die Gründe für den Wohnungswechsel.

Obwohl Fabienne jetzt nicht mehr im gleichen Haus wie ihre Grosseltern wohnt, ist sie in der Nähe geblieben und kann immer noch einfach und schnell auf einen Besuch vorbeigehen.

Lesetipp: «Ein Generationenprojekt, im Alltag gelebt»

Am 25. Oktober lud UND Generationentandem zum Generationentalk zum Thema «Suche Wohnung, biete Hilfe» ein. Dabei ging es um Generationen-WGs, bei denen junge Menschen zwar nicht mit ihren Grosseltern, aber mit anderen älteren Menschen zusammen ziehen, mit der Idee, dass die jungen MieterInnen die älteren Menschen im Haushalt oder im Garten unterstützen und dafür keine Miete bezahlen müssen. Brigitta Ingold berichtete darüber.

Beitrag von:

Geraldine Konrad-Maier (26)

Gelernte Kauffrau. Nach einer grossen Reise durch das westliche und südliche Afrika habe ich den Militärdienst als Rettungssoldat geleistet. Voller Elan und extrem fasziniert von der Vielfalt der Individuen dieser Welt, bin ich nun wieder im Ausland unterwegs. Mein Motto: Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.

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